CORONA ūüĎĎ

Ein Freund schickte mir den folgenden Text von Charles Eisenstein zu.
Mich beeindruckt die weite Betrachtungsweise des Autors.
Zur ebenso weiten, umfassenderen Information habe ich die Links
im Text belassen.

Die Krönung

April 2020√úbersetzung von Eike Richter, Michelle Warkentin, Stephan Pfannschmidt, Daniel Germer und Nikola Winter. Es gibt eine englische Version dieses Aufsatzes.

Unsere Normalit√§t ist jahrelang √ľberdehnt worden. Wie ein Seil, das fester und immer fester angezogen wird, bis es, zum Zerrei√üen gespannt, nur darauf wartet, dass der schwarze Schwan[1] kommt und es mit seinem Schnabel durchknipst. Jetzt, wo das Seil entzwei ist, werden wir es einfach wieder zusammenknoten, oder sollen wir seine baumelnden Enden noch weiter aufdr√∂seln und sehen, ob wir mit ihnen nicht etwas neues weben k√∂nnen?

COVID-19 zeigt uns, dass ein unglaublich schneller Wandel m√∂glich ist, wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist. Keines der Probleme unserer Welt ist technisch schwer zu l√∂sen; sie r√ľhren von der Uneinigkeit der Menschen her. Wenn die Menschheit koh√§rent handelt, sind ihre kreativen Kr√§fte grenzenlos. Vor wenigen Monaten w√§re eine weltweite Unterbrechung der kommerziellen Luftfahrt undenkbar gewesen, ebenso die radikalen Ver√§nderungen in unserem gesellschaftlichen Verhalten, in der Wirtschaft und in der Rolle, die die Regierung in unserem Leben spielt. COVID-19 demonstriert die Macht unseres kollektiven Willens, wenn wir uns darauf einigen k√∂nnen, was wichtig ist. Was k√∂nnten wir mit einer solchen Koh√§renz noch alles erreichen? Was m√∂chten wir erreichen, und welche Welt wollen wir erschaffen? Das ist immer die erste Frage, die auftaucht, nachdem man sich der eigenen Macht bewusst geworden ist.

COVID-19 ist wie der Aufenthalt in einer Entzugsklinik, durch den ein suchtkranker Mensch aus seiner Alltagsnormalit√§t gerissen wird. Indem eine Gewohnheit unterbrochen wird, wird sie sichtbar gemacht. Damit wird sie von einem Zwang zu einer Entscheidung. Wenn die Krise abflaut, haben wir vielleicht die Gelegenheit uns zu fragen, ob wir in die alte Normalit√§t zur√ľck wollen, oder ob wir w√§hrend dieser Unterbrechung unserer Routinen Dinge erlebt haben, die wir in die Zukunft mitnehmen wollen. Wir werden uns vielleicht fragen, nachdem so viele ihre Jobs verloren haben, ob wirklich alle davon das waren, was die Welt am meisten braucht oder ob unsere Arbeitskraft und Kreativit√§t nicht anderswo besser angebracht w√§re? Wir werden uns vielleicht fragen, nachdem wir eine Weile ohne sie ausgekommen sein werden, ob wir wirklich so viel Luftverkehr, Disneyland-Urlaube oder Handelsausstellungen brauchen. Welche Bereiche der Wirtschaft m√∂chten wir wiederherstellen, und von welchen wollen wir uns bewusst verabschieden? Und auf einer finstereren Ebene, f√ľr welche der Dinge, die uns jetzt gerade weggenommen werden ‚Äď b√ľrgerliche Freiheiten, Versammlungsfreiheit, die Souver√§nit√§t √ľber unseren eigenen K√∂rper, pers√∂nliche Treffen, Umarmungen, Handschl√§ge und √∂ffentliches Leben ‚Äď kann es notwendig werden, dass wir mit unserem bewussten politischen oder pers√∂nlichen Willen daf√ľr werden einstehen m√ľssen, wenn wir sie zur√ľckhaben wollen?

Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich den Eindruck, dass sich die Menschheit einem Scheideweg n√§hert. Immer hat die Krise, der Kollaps, die Unterbrechung unmittelbar hinter der n√§chsten Wegbiegung gelauert, aber sie kam und kam nicht. Stell dir vor, du gehst einen Weg entlang und siehst sie vor dir, du siehst die gro√üe Kreuzung. Gleich hinter dem H√ľgel, hinter der n√§chsten Kurve, hinter dem Wald. Du erreichst die H√ľgelkuppe und siehst, dass du dich geirrt hast, es war ein Trugbild, sie ist doch weiter entfernt als du dachtest. Du gehst weiter. Manchmal siehst du sie, manchmal verschwindet sie aus deinem Blickfeld, und es scheint, also z√∂ge sich der Weg ewig hin. Vielleicht gibt es gar keine Kreuzung? Nein, da ist sie wieder! Immer ist sie fast da. Nie ist sie da.

Jetzt biegen wir um die Kurve, und – da ist sie! Wir bleiben verdattert stehen, ungl√§ubig, dass es jetzt passiert, ungl√§ubig, dass wir nach so vielen Jahren, die wir auf den Weg unserer Vorfahren beschr√§nkt waren, endlich eine Wahl haben. Wir stehen wie angewurzelt und staunen √ľber diese nie dagewesene Situation. Hunderte Pfade tun sich vor uns auf, streben in alle Himmelsrichtungen. Manche f√ľhren in die gleiche Richtung, in die wir schon unterwegs waren. Manche f√ľhren in die H√∂lle auf Erden. Und manche f√ľhren in eine Welt, die heiler und sch√∂ner ist, als wir uns in unseren k√ľhnsten Tr√§umen ausmalen konnten.

Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe ‚Äď verdutzt, ein bisschen √§ngstlich vielleicht, aber auch mit dem Gef√ľhl einer neuen M√∂glichkeit ‚Äď an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen f√ľhren.

* * *

Folgende Geschichte hat mir eine Freundin letzte Woche erz√§hlt. Sie war in einem Lebensmittelladen und sah eine Frau schluchzend in einem Gang stehen. Alle Abstandsregeln missachtend, ging sie zu der Frau und umarmte sie. ‚ÄěDanke,‚Äú sagte die Frau, ‚Äědas ist das erste Mal in zehn Tagen, dass mich jemand umarmt hat.‚Äú

Ein paar Wochen ohne Umarmungen zu leben mag ein kleiner Preis daf√ľr sein, dass eine Epidemie einged√§mmt wird, die Millionen das Leben kosten k√∂nnte. Es gibt ein gutes Argument f√ľr das Einhalten des Sicherheitsabstands in der n√§chsten Zeit: um einen pl√∂tzlichen Anstieg von COVID-19 F√§llen zu verhindern, der das Gesundheitssystem √ľberlastet. Ich w√ľrde dieses Argument aber gern in einen gr√∂√üeren Zusammenhang stellen, vor allem, wenn es um einen l√§ngeren Zeitraum geht. Bevor wir das Abstandhalten zu einer neuen Norm machen, nach der sich die Gesellschaft orientiert, lasst uns bedenken, was f√ľr eine Entscheidung wir hier treffen und warum.

Das Gleiche gilt auch f√ľr andere Ver√§nderungen, die rund um die Coronavirus-Epidemie stattfinden. Manche Stimmen weisen darauf hin, wie gelegen diese Ma√ünahmen einer Agenda der totalit√§ren Kontrolle kommen. Eine ver√§ngstigte √Ėffentlichkeit akzeptiert Einschr√§nkungen der b√ľrgerlichen Freiheiten, die andernfalls schwer zu rechtfertigen w√§ren, etwa das Verfolgen individueller Bewegungsmuster rund um die Uhr, medizinische Zwangsbehandlung, unfreiwillige Quarant√§ne, Reisebeschr√§nkungen und Einschr√§nkungen der Versammlungsfreiheit, Zensur dessen, was die Autorit√§ten als Desinformation einstufen, Aussetzen der juristischen M√∂glichkeit zur Freilassung von Personen aus rechtswidriger Haft (habeas corpus) und Milit√§rkontrollen der Zivilbev√∂lkerung. Viele davon standen schon vor COVID-19 im Raum, jetzt wurden sie geradezu unwiderstehlich. Das Gleiche gilt f√ľr die Automatisierung im Handel, den Trend zum Fernsehen statt der pers√∂nlichen Teilnahme an Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen, die Verlagerung des √∂ffentlichen Lebens in private R√§ume, die Zunahme von Online-Bildungsangeboten und Online-Handel, und die zunehmende Verschiebung von Arbeit und Freizeitaktivit√§ten auf Bildschirme. COVID-19 beschleunigt bestehende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends.

W√§hrend man all diese Ma√ünahmen kurzfristig damit rechtfertigen kann, dass sie zur Abflachung der Kurve (der epidemiologischen Wachstumskurve) beitragen, ist allenthalben die Rede von einer ‚Äěneuen Normalit√§t‚Äú, was bedeuten k√∂nnte, dass die Ver√§nderungen keineswegs nur vor√ľbergehend gedacht sind. Weil die Bedrohung durch eine ansteckende Krankheit ‚Äď genau wie die Bedrohung durch den Terror ‚Äď nie aufh√∂rt, k√∂nnen sich Kontrollma√ünahmen leicht zu Dauerma√ünahmen auswachsen. Wenn wir also sowieso schon in diese Richtung gehen, muss die jetzige Rechtfertigung der Ma√ünahmen Teil einer tieferen Str√∂mung sein. Ich werde zwei Triebkr√§fte dieser Str√∂mung analysieren: den Kontrollreflex und den Krieg gegen den Tod. Vor diesem Hintergrund l√§sst sich eine initiatorische Gelegenheit erkennen, die sich schon jetzt angesichts der Solidarit√§t, des Mitgef√ľhls und der gegenseitigen F√ľrsorge abzeichnet, die das Coronavirus in uns geweckt hat.

Der Kontrollreflex

In dem Moment, da ich dies schreibe, sagen die offiziellen Statistiken, dass etwa 25.000 Menschen an COVID-19 gestorben sind. (Nachtrag: Das war am 25. M√§rz. Jetzt am 2. April sind es 50.000. Ich werde die Zahl nicht weiter nachkorrigieren. Sie wird sowieso wieder veraltet sein, wenn die meisten Menschen das hier lesen.) Und wenn dann alles vor√ľber ist, k√∂nnte die Zahl der Toten zehnmal oder hundertmal oder, wenn die alarmierendsten Sch√§tzungen richtig liegen, sogar tausendmal h√∂her liegen. Jeder einzelne Mensch hat seine Lieben, Familie und Freunde. Unser Mitgef√ľhl und Gewissen rufen uns, alles in unserer Macht stehende zu tun, um eine unn√∂tige Trag√∂die zu vermeiden. F√ľr mich ist das sehr pers√∂nlich: meine eigene, unendlich geliebte aber gebrechliche Mutter ist besonders gef√§hrdet durch eine Krankheit, die haupts√§chlich Alte und Schwache t√∂tet.

Wie werden die endg√ľltigen Zahlen aussehen? Diese Frage ist zum jetzigen Zeitpunkt unm√∂glich zu beantworten. Fr√ľhe Berichte waren alarmierend; f√ľr Wochen war die offizielle Zahl aus Wuhan, die endlos durch die Medien zirkulierte, schockierende 3,4 Prozent. Dies, gepaart mit seiner hoch ansteckenden Natur, deutete auf einige zehn Millionen oder gar bis zu hundert Millionen Tote weltweit hin. In letzter Zeit sind diese Sch√§tzungen stark zur√ľckgegangen, als sich abzeichnete, dass die meisten F√§lle mild oder asymptomatisch verlaufen. Da Testungen haupts√§chlich an ernstlich Kranken durchgef√ľhrt worden sind, ergab sich eine k√ľnstlich erh√∂hte Sterberate. In S√ľdkorea, wo hunderttausende Menschen mit milden Symptomen getestet wurden, betr√§gt die Mortalit√§t etwa 1 Prozent. In Deutschland, wo ebenfalls viele milde Verl√§ufe getestet wurden, lag die Mortalit√§t bei 0,4 Prozent. Ein aktueller Aufsatz in der Zeitschrift Science behauptet, dass 86 Prozent aller Infektionen nicht dokumentiert seien, was auf eine viel geringere Mortalit√§t hindeuten w√ľrde, als die gegenw√§rtige Sterblichkeitsrate vermuten lie√üe.

Die Geschichte des Kreuzfahrtschiffs Diamond Princess st√ľtzt diese Sicht. Von den 3711 Menschen an Bord wurden etwa 20 Prozent positiv auf das Virus getestet; weniger als die H√§lfte von ihnen hatten Symptome, und 8 sind gestorben. Ein Kreuzfahrtschiff ist das perfekte Milieu f√ľr Ansteckung, und es gab reichlich Zeit f√ľr die Ausbreitung des Virus an Bord, bevor irgendwer etwas dagegen unternommen hatte und doch wurde nur ein F√ľnftel infiziert. Dar√ľber hinaus war die Altersverteilung (wie sehr oft auf Kreuzfahrtschiffen) stark in Richtung h√∂heren Alters verzerrt: Fast ein Drittel der Passagiere war √ľber 70 und mehr als die H√§lfte √ľber 60. Eine Forschergruppe schloss aus der gro√üen Zahl asymptomatischer F√§lle, dass die tats√§chliche Sterblichkeitsrate in China um die 0,5 Prozent liegen m√ľsse. Das w√§re noch immer etwa f√ľnfmal h√∂her als bei der Grippe. Aufgrund dieser Informationen (und da Afrika, S√ľd- und S√ľdostasien eine deutlich j√ľngere Demographie aufweist), vermute ich, dass es in den USA etwa 200.000- 300.000 Tote geben wird – vielleicht mehr, wenn das Gesundheitssystem √ľberlastet wird und weniger, wenn sich die Infektionen √ľber einen l√§ngeren Zeitraum verteilen – und drei Millionen weltweit. Das sind ernste Zahlen. Seit der Hong-Kong-Grippe 1968/69 hat die Welt so etwas nicht mehr erlebt.

Meine Sch√§tzung k√∂nnte leicht um eine ganze Gr√∂√üenordnung daneben liegen. Jeden Tag berichten die Medien die Gesamtzahl der COVID-19-F√§lle, aber niemand kennt die tats√§chliche Zahl, weil nur ein geringer Anteil der Menschen getestet worden ist. Wenn schon zehn Millionen Menschen das Virus asymptomatisch h√§tten, w√ľrden wir es nicht einmal wissen. Komplizierter wird die Sache dadurch, dass bei den existierenden Tests hohe Raten an falsch positiven Ergebnissen auftreten, vielleicht sogar bis zu 80 Prozent. (Weitere alarmierende Unsicherheiten hinsichtlich der Testgenauigkeit findet man hier.) Lasst es mich wiederholen: Niemand wei√ü, was wirklich vor sich geht, und da schlie√üe ich mich ein. Rufen wir uns ins Bewusstsein, dass es zwei widerspr√ľchliche Tendenzen menschlicher Krisenreaktion gibt. Die erste ist die Tendenz zur sich selbst verst√§rkenden Hysterie. Daten, die der Furcht nicht in die H√§nde spielen, werden ignoriert, und so erschafft die Hysterie die Welt nach ihrem eigenen Abbild. Die zweite Tendenz ist die zur Leugnung, zur irrationalen Ablehnung von Informationen, welche die Normalit√§t und Behaglichkeit verst√∂ren k√∂nnten. So fragt auch Daniel Schmachtenberger: Woher wei√üt du, dass das, was du glaubst, wahr ist?

Trotz dieser Unsicherheit wage ich eine Vorhersage: Die Krise wird so ausgehen, dass wir das niemals erfahren werden. Wenn die endg√ľltige Todesrate, welche selbst strittig sein wird, niedriger ausf√§llt als bef√ľrchtet, werden manche sagen, dass die Kontrollma√ünahmen gewirkt haben. Andere werden sagen, dass die Krankheit nicht so gef√§hrlich war, wie man uns weismachen wollte.

F√ľr mich ist das erstaunlichste R√§tsel, warum derzeit in China keine neuen F√§lle hinzuzukommen scheinen. Die Regierung hatte ihre Ausgangssperren erst deutlich nach dem Zeitpunkt angeordnet, als sich das Virus schon etabliert hatte. W√§hrend des chinesischen Neujahrsfestes, als alle Flugzeuge, Busse und Bahnen gerammelt voll waren mit Menschen, die quer durch das Land fahren, h√§tte es sich doch extrem ausbreiten m√ľssen. Was geht hier vor? Und noch einmal, ich wei√ü es nicht, genauso wenig wie du.

Ob nun die abschlie√üende Zahl der Toten 50.000, 500.000 oder 5 Millionen sein wird, lasst uns nun auf ein paar andere Zahlen schauen, um sie in einem anderen Lichte zu sehen. Ich will damit NICHT sagen, dass COVID schon nicht so schlimm ist, und dass wir nichts unternehmen sollten. Hab ein wenig Geduld. Letztes Jahr starben laut Weltern√§hrungsorganisation 5 Millionen Kinder weltweit an Unterern√§hrung (von den 162 Millionen durch Hunger entwicklungsgehemmten und 51 Millionen durch Hunger dahinsiechenden Kindern). Das sind zweihundertmal mehr Menschen, als bisher an COVID-19 gestorben sind, und doch hat bisher keine Regierung den Notstand erkl√§rt oder uns aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten radikal zu ver√§ndern, um diese Kinder zu retten. Auch sehen wir kein vergleichbares Ausma√ü an Besorgnis und Ma√ünahmen im Zusammenhang mit Selbstmord – die blo√üe Spitze des Eisbergs der Verzweiflung und Depression – durch den j√§hrlich √ľber eine Million Menschen weltweit sterben und 50.000 in den USA. Oder die j√§hrlich 70.000 Drogentoten in den USA, die Epidemie der Autoimmunkrankheiten, die in den USA 23,5 Millionen (Zahlen der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute, NIH) bis 50 Millionen (amerikanische Gesellschaft f√ľr Autoimmunerkrankungen, AARDA) Menschen betrifft, oder Adipositas, die √ľber 100 Millionen Menschen betrifft. Oder warum, wo wir schon einmal dabei sind, verfallen wir nicht alle in helle Aufregung, wenn es um die Vermeidung der atomaren Vernichtung oder des √∂kologischen Kollaps geht, sondern treffen ganz im Gegenteil Entscheidungen, die genau diese Gefahren nur noch vergr√∂√üern?

Und, bitte, der Punkt hier ist nicht, zu sagen, wir haben unser Verhalten nicht ge√§ndert, um Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, also sollen wir es auch nicht f√ľr COVID √§ndern. Ganz im Gegenteil: Wenn wir unser Verhalten wegen COVID-19 so radikal ver√§ndern k√∂nnen, dann k√∂nnen wir es f√ľr diese anderen Zust√§nde genauso tun. Wir sollten uns fragen, warum wir in der Lage sind, unseren kollektiven Willen zu b√ľndeln, um dieses Virus einzud√§mmen, nicht aber f√ľr die anderen gravierenden Bedrohungen der Menschheit. Warum war die Gesellschaft, zumindest bis jetzt, so verfangen in ihrer vorgegebenen Marschrichtung?

Die Antwort ist aufschlussreich. Angesichts von Welthunger, Suchtproblematik, Autoimmunkrankheiten, Selbstmord und dem √∂kologischen Kollaps wissen wir als Gesellschaft einfach nicht, was zu tun ist. Unsere Patentrezepte zur Krisenbew√§ltigung, allesamt Versionen von Kontrollma√ünahmen, sind nicht sehr effektiv darin, mit diesen Zust√§nden umzugehen. Jetzt kommt eine ansteckende Epidemie daher, und endlich k√∂nnen wir in Aktion treten. Es ist eine Krise, in der Kontrolle funktioniert: Quarant√§ne, Ausgangssperren, Isolierung, H√§ndewaschen; Personen-Tracking, Informationskontrolle , Kontrolle unseres K√∂rpers. Das macht COVID zu einem geeigneten Gef√§√ü f√ľr unsere unterschwelligen √Ąngste, zu einem Blitzableiter f√ľr unser wachsendes Gef√ľhl von Hilflosigkeit angesichts der Ver√§nderungen, die die Welt √ľberrennen. COVID-19 ist eine Bedrohung, von der wir wissen, wie ihr zu begegnen ist. Anders als so viele unserer anderen √Ąngste, bietet COVID-19 einen Plan.

Die etablierten Institutionen unserer Gesellschaft werden immer hilfloser, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wie sehr sie da eine Herausforderung willkommen hei√üen, welcher sie endlich entgegentreten k√∂nnen. Wie eifrig sie diese als die allergr√∂√üte Krise behandeln. Mit welcher Selbstverst√§ndlichkeit ihr Informations-Management die alarmierendsten Darstellungen ausw√§hlt. Wie leicht sich die √Ėffentlichkeit an der Panik beteiligt und die Bedrohung begr√ľ√üt, der die Autorit√§ten begegnen k√∂nnen, stellvertretend f√ľr die vielen anderen unaussprechlichen Bedrohungen, bei denen sie es nicht k√∂nnen.

Heutzutage lassen sich aber die meisten unserer Herausforderungen nicht mehr durch die Anwendung mechanistischer Machtinstrumente bewältigen.

Unsere Antibiotika wie auch die Chirurgie scheitern an einer wachsenden Gesundheitskrise von Autoimmunit√§t, Sucht und Adipositas. Unsere Gewehre und Bomben, gebaut f√ľr den Sieg √ľber Armeen, sind ungeeignet, Hass und Feindschaft in anderen L√§ndern zu beseitigen oder h√§usliche Gewalt zu verhindern. Unsere Polizei und unsere Gef√§ngnisse k√∂nnen die Entstehungsbedingungen f√ľr Verbrechen nicht heilen. Unsere Pestizide k√∂nnen abgewirtschaftete B√∂den nicht wiederherstellen. COVID-19 weckt Erinnerungen an die guten alten Zeiten, als die Herausforderungen durch ansteckende Krankheiten mit moderner Medizin und Hygiene gemeistert wurden, als der Nationalsozialismus der Kriegsmaschinerie der Alliierten unterlag und als die Natur selbst, so schien es zumindest, dem Siegeszug moderner Technologien unterlag. Es weckt Erinnerungen an die Zeit, als unsere Waffen noch funktionierten und die Welt sich tats√§chlich mit jedem neuen technologischen Fortschritt zu verbessern schien.

Welche Art von Problemen ist √ľberhaupt durch Unterwerfung und Kontrolle zu l√∂sen? Doch nur diejenige, die durch etwas von au√üen erzeugt wird, durch das Andere. Wenn die Ursache des Problems jedoch etwas uns Wohlvertrautes ist, wie etwa bei  Obdachlosigkeit oder sozialer Ungleichheit, Sucht oder Adipositas, dann gibt es nichts, gegen das man Krieg f√ľhren k√∂nnte. Wir k√∂nnen versuchen, einen Feind auszumachen, wir k√∂nnten zum Beispiel die Milliard√§re, Vladimir Putin oder den Teufel beschuldigen, aber dann lassen wir Schl√ľsselinformation au√üer Acht, wie etwa die Grundbedingungen, die √ľberhaupt erst erlauben, dass es mehr und mehr Milliard√§re (und pathogene Viren) gibt.

Wenn es eine Sache gibt, die unsere Zivilisation gut kann, dann ist es, einen Feind zu bek√§mpfen. Wir lieben es, das zu tun, was wir gut k√∂nnen, was wiederum die G√ľltigkeit unserer Technologien, Systeme und unserer Weltanschauung best√§tigt. Und so erschaffen wir uns selbst unsere Feinde, ordnen Probleme wie Verbrechen, Terrorismus und Krankheit in Kategorien des ‚ÄěWir-gegen-Die“ ein und mobilisieren unsere kollektiven Energien f√ľr alle Ma√ünahmen, die in dieses Schema passen. Deshalb fassen wir COVID-19 als einen Ruf zu den Waffen auf und reorganisieren die Gesellschaft wie f√ľr einen Krieg, w√§hrend wir die M√∂glichkeit der nuklearen Vernichtung, des √∂kologischen Kollaps und 5 Millionen verhungernder Kinder als Normalit√§t behandeln.

Das Verschwörungs-Narrativ

Da COVID-19 so viele Dinge auf der totalit√§ren Wunschliste als gerechtfertigt erscheinen l√§sst, gibt es Menschen, die davon √ľberzeugt sind, dass es sich um ein beabsichtigtes Machtspiel handelt. Es ist weder meine Absicht, diese Theorie zu bef√∂rdern noch sie zu widerlegen, auch wenn ich einige Anmerkungen auf der Metaebene anbieten werde. Zuerst aber eine kurze √úbersicht.

Diese Theorien (es gibt viele Varianten) sprechen vom Event 201 (gesponsert von der Gates-Stiftung, der CIA etc. im letzten Oktober) und einem Wei√übuch der Rockefeller Foundation aus dem Jahr 2010, in dem ein Szenario namens ‚ÄěLock Step‚Äú beschrieben wird, beides Entw√ľrfe einer autorit√§ren Reaktion auf eine hypothetische Pandemie. In den Theorien wird festgestellt, dass die Infrastruktur, die Technologie und der gesetzliche Rahmen in Bezug auf das Kriegsrecht seit vielen Jahren vorbereitet werden. Daf√ľr musste, so sagen sie, ein Weg gefunden werden, um die √Ėffentlichkeit dazu zu bringen, das zu akzeptieren, und jetzt ist es soweit. Unabh√§ngig davon, ob die aktuellen Einschr√§nkungen dauerhaft sind oder nicht, wird ein Pr√§zedenzfall geschaffen um:

  • die Bewegungen aller Menschen jederzeit zu verfolgen (wegen des Coronavirus)
  • die Versammlungsfreiheit aufzuheben (wegen des Coronavirus)
  • die Zivilbev√∂lkerung milit√§risch zu √ľberwachen (wegen des Coronavirus)
  • au√üergerichtlichen, unbefristeten Arrest durchzusetzen (Quarant√§ne, wegen des Coronavirus)
  • das Bargeld zu verbieten (wegen des Coronavirus)
  • das Internet zu zensieren (um die Desinformation zu bek√§mpfen, wegen des Coronavirus)
  • Zwangsimpfungen und andere medizinische Behandlungen einzuf√ľhren, um die staatliche Herrschaft √ľber unseren K√∂rper durchzusetzen (wegen des Coronavirus)
  • die Einstufung aller Aktivit√§ten und Reiseziele in ausdr√ľcklich erlaubte und ausdr√ľcklich verbotene vorzunehmen (man darf das Haus aus dem einen Grund verlassen, aus dem anderen aber nicht) unter Beseitigung der nicht-kontrollierten, nicht-juristischen Grauzone. All das zusammengenommen ist der Inbegriff von Totalitarismus. Jetzt ist es aber notwendig, wegen, naja, dem Coronavirus.

Das ist pikanter Stoff f√ľr Verschw√∂rungstheorien. Soweit ich wei√ü, k√∂nnte eine dieser Theorien zutreffen; allerdings k√∂nnte sich der gleiche Verlauf der Ereignisse aufgrund einer unbewussten systemischen Neigung zu st√§ndig zunehmender Kontrolle entwickeln. Woher kommt diese Ausrichtung? Sie ist in die DNA der Zivilisation mit eingewoben. Seit Jahrtausenden hat die Menschheit (im Gegensatz zu kleinen, traditionellen Kulturen) Fortschritt als eine Sache der zunehmenden Kontrolle √ľber die Welt verstanden: die Domestizierung der Wildnis, die Eroberung der Barbaren, das Beherrschen der Naturkr√§fte, die Gliederung der Gesellschaft nach Gesetz und Vernunft.

Im Aufwind der wissenschaftlichen Revolution setzte das Programm der Kontrolle mit dem ‚ÄěFortschritt‚Äú zu einem neuen H√∂henflug an: Die Realit√§t wurde in objektive Kategorien und Mengen sortiert und die Materie durch Technologie beherrscht. Zudem versprachen die Sozialwissenschaften die gleichen Mittel und Methoden anzuwenden, um dem Ehrgeiz (der auf Platon und Konfuzius zur√ľckgeht) eine perfekte Gesellschaft aufzubauen, gerecht zu werden.

Diejenigen, die die Zivilisation verwalten, werden daher jede Gelegenheit begr√ľ√üen, um ihre Kontrolle zu verst√§rken, denn schlie√ülich dient sie einer hochfliegenden Vision von der  Bestimmung der Menschheit: eine perfekt geordnete Welt, in der Krankheit, Kriminalit√§t, Armut und vielleicht sogar das Leid an sich einfach ‚Äěwegtechnisiert‚Äú werden k√∂nnen. Es sind keine niedertr√§chtigen Beweggr√ľnde n√∂tig. Nat√ľrlich m√∂chten sie alle Menschen im Auge behalten ‚Äď zumal dadurch ja das Allgemeinwohl gew√§hrleistet werden soll. F√ľr sie beweist COVID-19, wie notwendig das ist. ‚ÄěK√∂nnen wir uns demokratische Freiheiten angesichts des Coronavirus erlauben?‚Äú, fragen sie. ‚ÄěM√ľssen wir diese jetzt, aus der Notwendigkeit heraus, f√ľr unsere eigene Sicherheit opfern?‚Äú Das ist ein bekanntes Lied, denn es hat in der Vergangenheit andere Krisen, wie den 11. September, begleitet.

Um eine gebr√§uchliche Metapher umzudichten stelle man sich einen Mann mit einem Hammer vor, der herumgeht und nach einem Grund sucht, ihn zu benutzen. Pl√∂tzlich sieht er einen hervorstehenden Nagel. Er hat schon lange nach einem Nagel gesucht, hat stattdessen auf Schrauben und Bolzen eingehauen, ohne viel zu erreichen. Er folgt einem  Weltbild, in dem H√§mmer die besten Werkzeuge sind und die Welt eine bessere wird, wenn man N√§gel damit einschl√§gt. Und hier ist ein Nagel! Wir k√∂nnten vermuten, dass er, aufgrund seines Eifers, den Nagel dort selbst platziert hat, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht ist es auch gar kein Nagel, der da herausragt, ist einem solchen aber √§hnlich genug, um auf ihn einzuh√§mmern. Wenn das Werkzeug zur Verf√ľgung steht, wird sich eine Gelegenheit ergeben, um es zu benutzen.

Und, so m√∂chte ich hier f√ľr diejenigen anf√ľgen, die dazu neigen, den Machthabern zu misstrauen, dass es  sich diesmal vielleicht tats√§chlich um einen Nagel handelt. In diesem Fall ist der Hammer das richtige Werkzeug ‚Äď und das Prinzip Hammer wird gest√§rkt aus der Krise hervorgehen, bereit auf die Schraube, den Knopf, die Klammer und den Riss einzudreschen.

Wie dem auch sei, bei dem Problem mit dem wir es hier zu tun haben, geht es um viel mehr als darum einer √ľblen Seilschaft von Illuminaten das Handwerk zu legen. Selbst wenn sie wirklich existieren, w√ľrde der gleiche Trend auch ohne sie fortbestehen, weil unsere Zivilisation darauf ausgerichtet ist, oder es w√ľrden neue Illuminaten auftauchen, um die Funktionen der alten zu √ľbernehmen.

Richtig oder falsch, die Vorstellung, dass die Epidemie eine monstr√∂se Verschw√∂rung ist, die von Verbrechern an der √Ėffentlichkeit ver√ľbt wurde, ist nicht so weit von der ‚ÄěFinde-den- Erreger‚Äú- Mentalit√§t entfernt. Es ist eine Kreuzzugs-Mentalit√§t, eine Kriegsmentalit√§t. Sie findet die Ursache einer soziopolitischen Krankheit in einem Pathogen, gegen das wir dann k√§mpfen k√∂nnen, in einem T√§ter, der abgespalten von uns ist. Dabei besteht die Gefahr, dass die Bedingungen ignoriert werden, welche die Gesellschaft zu einem fruchtbaren Boden f√ľr die Verschw√∂rung machen. Ob dieser Boden nun absichtlich oder durch den Wind ges√§t wurde, ist f√ľr mich zweitrangig.

Was ich als n√§chstes sagen werde, ist relevant, egal ob  SARS-CoV2, nun eine gentechnisch hergestellte Biowaffe ist, in Zusammenhang mit der Einf√ľhrung von 5G steht, dazu benutzt wird, um ‚ÄěDisclosure‚Äú[2] zu verhindern, ein Trojanisches Pferd f√ľr die totalit√§re Weltregierung ist, t√∂dlicher ist, als uns gesagt wird, weniger t√∂dlich, als uns gesagt wird, in einem Biolabor in Wuhan erzeugt wurde, in Fort Detrick entstanden ist oder genau das ist, was uns von der CDC [amerikanische Gesundheitsbeh√∂rde] und der WHO gesagt wurde. Es gilt auch dann, wenn alle v√∂llig falsch liegen in Bezug auf die Rolle des SARS-CoV-2-Virus in der aktuellen Epidemie. Ich habe meine Meinung, aber wenn ich im Verlauf dieser Notsituation eines gelernt habe, dann ist es, dass ich nicht wirklich wei√ü, was passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das √ľberhaupt jemand kann, inmitten dieses brodelnden Gemischs aus Nachrichten, Fake-News, Ger√ľchten, zur√ľckgehaltenen Informationen, Verschw√∂rungstheorien, Propaganda und politisierten Narrativen, von denen das Internet voll ist. Ich w√ľnschte mir, dass viel mehr Menschen dieses Nichtwissen begr√ľ√üten k√∂nnten. Ich sage das sowohl denen, die das vorherrschende Narrativ annehmen, als auch denen, die an einer abweichenden Meinung festhalten. Welche Informationen blenden wir m√∂glicherweise aus, um unsere Sichtweise aufrechtzuerhalten? Lasst uns in unseren √úberzeugungen bescheiden sein: Es geht um Leben und Tod.

Der Krieg gegen den Tod

Mein 7-j√§hriger Sohn hat seit zwei Wochen weder mit einem anderen Kind gespielt noch eines gesehen. Millionen anderen geht es genauso. Die meisten von uns stimmen wohl zu, dass ein Monat ohne soziale Interaktion f√ľr all diese Kinder ein vertretbares Opfer ist, um Millionen Menschenleben zu retten. Aber wenn es um 100.000 Leben ginge? Und was, wenn das Opfer nicht f√ľr einen Monat, sondern f√ľr ein Jahr gilt? F√ľr f√ľnf Jahre? Je nach den zugrundeliegenden Wertvorstellungen gibt es hierzu sicherlich eine Menge unterschiedlicher Meinungen.

Versuchen wir, die vorhergegangenen Fragen einmal durch pers√∂nlichere zu ersetzen, um √ľber das unmenschliche zweckrationale Denken hinwegzukommen, durch das Menschen zu Statistiken gemacht und manche von ihnen f√ľr etwas anderes geopfert werden. Die f√ľr mich entscheidende Frage ist: W√ľrde ich alle Kinder des Landes bitten, f√ľr eine ganze Saison auf das Spielen mit anderen zu verzichten um das Sterberisiko meiner Mutter zu verringern oder wenn wir schon dabei sind, mein eigenes Risiko? Oder ich k√∂nnte fragen: W√ľrde ich ein Verbot von Umarmungen und H√§ndesch√ľtteln verh√§ngen, wenn dadurch mein eigenes Leben gerettet w√ľrde? Dies soll nicht das Leben meiner Mutter oder mein eigenes entwerten. Beide sind wertvoll. Ich bin dankbar f√ľr jeden Tag, an dem sie noch mit uns ist. Aber diese Fragen f√∂rdern tiefere Aspekte zu Tage. Was ist die richtige Art zu leben? Was ist die richtige Art zu sterben?

Die Antwort auf solche Fragen, gestellt im eigenen Interesse oder in dem der Gesellschaft, h√§ngt davon ab, wie wir es mit dem Tod halten, und wie hoch wir Spiel, Ber√ľhrung und Gemeinschaft sch√§tzen, genau wie die b√ľrgerliche und pers√∂nliche Freiheit. Es gibt keine einfache Formel um diese Werte abzuw√§gen.

In meinem bisherigen Leben habe ich beobachtet, dass die Gesellschaft mehr und mehr Wert auf Sicherheit, Gefahrenabwehr und Risikoreduktion legt. Dies hat insbesondere die Kindheit beeinflusst: Als Kinder war es f√ľr uns normal, drau√üen im Umkreis von einer Meile um unser Haus ohne Aufsicht zu spielen, ein Verhalten, das heute einen Besuch der Kinderschutzbeauftragten bei den Eltern zur Folge haben kann[3]. Dies manifestiert sich auch im zunehmenden Einsatz von Latexhandschuhen bei immer mehr Berufen, allgegenw√§rtigen H√§ndedesinfektionsmitteln, abgeschlossenen, bewachten und video√ľberwachten Schulgeb√§uden, intensivierten Flughafen- und Grenzkontrollen, der erh√∂hten Aufmerksamkeit auf gesetzliche Haftung und Haftpflichtversicherungen, Metalldetektoren und Durchsuchungen vor dem Betreten vieler Sporteinrichtungen und √∂ffentlicher Geb√§ude und so weiter. Kurz, es nimmt die Form eines Sicherheitsstaates an.

Das Mantra ‚ÄěSicherheit geht vor‚Äú kommt aus einem Wertesystem, das dem √úberleben die oberste Priorit√§t einr√§umt und andere Werte wie Freude, Abenteuer, Spiel und die Herausforderung und Erweiterung von Grenzen hintanstellt. Andere Kulturen hatten unterschiedliche Priorit√§ten. Zum Beispiel gehen viele traditionelle oder indigene Gesellschaften viel weniger protektiv mit ihren Kindern um, wie von Jean Liedloff in ihrem Klassiker ‚ÄěAuf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck.‚Äú (engl.: ‚ÄěThe Continuum Concept‚Äú) dokumentiert. Diese Kulturen erlauben den Kindern Risiken und muten ihnen Verantwortung zu, die f√ľr die meisten modernen Menschen verr√ľckt erscheinen w√ľrden, in der √úberzeugung, dass dies notwendig ist f√ľr die Kinder, um Selbst√§ndigkeit und einen gesunden Menschenverstand zu entwickeln. Ich denke, dass die meisten modernen Menschen, insbesondere die j√ľngeren, sich etwas von dieser ureigenen Bereitschaft bewahrt haben, Sicherheit zu opfern f√ľr ein Leben, das daf√ľr in vollen Z√ľgen gelebt wird. Die Kultur rundum jedoch predigt ununterbrochen ein Leben in Angst und hat Systeme entwickelt, die diese Angst verk√∂rpern. Bei ihnen gilt Sicherheit als h√∂chste Priorit√§t. Auf diese Weise haben wir ein Medizinsystem, in dem die meisten Entscheidungen auf Risikoabw√§gungen basieren. Der schlimmste anzunehmende Ausgang, der das totale Versagen des Arztes markiert, ist der Tod. Und dennoch wissen wir, dass uns der Tod in jedem Fall erwartet. Ein gerettetes Leben bedeutet nur einen vertagten Tod.

Die ultimative Erf√ľllung des zivilisatorischen Kontrollprogramms w√§re, √ľber den Tod selbst zu triumphieren. Weil sie das nicht schafft, hat sich die moderne Gesellschaft diesen Triumph vorget√§uscht und leugnet den Tod, den sie nicht bezwingen kann: Das reicht vom Verbergen der Leichname vor dem Blick der √Ėffentlichkeit √ľber den Fetisch der Jugendhaftigkeit bis zur Abschiebung von alten Menschen in Pflegeheime. Sogar ihre Besessenheit mit Geld und Besitz ‚Äď beides Erweiterungen des Selbst, wie das Wort „mein“ indiziert – dr√ľckt diese Wahnvorstellung aus, dass das unbest√§ndige und verg√§ngliche Selbst durch seine Anh√§ngsel permanent gemacht werden kann. All das ist unausweichlich, wenn wir dieses Narrativ des Selbst betrachten, das die Moderne anbietet: das separate Individuum in einer Welt des Anderen. Umgeben von genetischen, sozialen und √∂konomischen Konkurrenten, muss sich das Selbst sch√ľtzen und andere unterwerfen, wenn es Erfolg haben will. Es muss alles tun, um den Tod aufzuhalten, der (in der Geschichte von der Getrenntheit[4]) die totale Vernichtung ist. Die biologische Wissenschaft hat sogar gelehrt, dass es unsere innerste Natur ist, unsere √úberlebens- und Fortpflanzungschancen zu maximieren.

Ich fragte eine Freundin, eine √Ąrztin, die eine Zeit mit den Q’ero in Peru verbrachte, ob die Q’ero (wenn sie k√∂nnten) jemanden intubieren w√ľrden, um sein Leben zu verl√§ngern. ‚ÄěNat√ľrlich nicht“, sagte sie. ‚ÄěSie w√ľrden den Schamanen rufen, um der Person zu helfen gut zu sterben.“ Gut sterben (was nicht unbedingt bedeutet schmerzfrei zu sterben) existiert nicht wirklich im heutigen medizinischen Vokabular. Es werden keine Aufzeichnungen im Krankenhaus dar√ľber gemacht, ob Menschen gut starben. Das w√ľrde nicht als ein positiver Ausgang gewertet werden. In der Welt des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe.

Aber ist das so? Hier  die Perspektive von Dr. Lissa Rankin: ‚ÄěNicht alle von uns w√§ren lieber auf einer Intensivstation, getrennt von unseren Liebsten, mit einer Maschine, die f√ľr uns atmet, in Gefahr alleine zu sterben – auch wenn sich dadurch unsere √úberlebenschancen erh√∂hen w√ľrden. Manche von uns wollen lieber in den Armen ihrer Lieben sein, zuhause, auch wenn das bedeutet, dass unsere Zeit gekommen ist … Bedenke, der Tod ist kein Ende. Der Tod bedeutet zur√ľckzukehren nach Hause.“

Wenn das Selbst als ein auf das Andere bezogenes, vom Anderen abh√§ngiges, ja sogar durch das Andere erst existierendes betrachtet wird, vermischt es sich mit dem Anderen und das Andere vermischt sich mit dem Selbst. Versteht man das Selbst als einen Bewusstseinsknotenpunkt in einer Beziehungsmatrix, wird man nicht l√§nger nach einem Feind suchen, um jedes Problem zu verstehen, sondern stattdessen nach Ungleichgewichten in den Beziehungen. Der Krieg gegen den Tod macht Platz f√ľr das Bestreben gut und voll zu leben, und wir sehen, dass Angst vor dem Tod in Wirklichkeit Angst vor dem Leben ist. Auf wieviel Leben verzichten wir, um sicher zu bleiben?

Totalitarismus – die Perfektion von Kontrolle – ist das unausweichliche Endprodukt der Mythologie vom getrennten Selbst. Was verdient die totale Kontrolle, wenn nicht eine Lebensbedrohung, wie ein Krieg zum Beispiel? Deshalb hat Orwell den ewigen Krieg als eine zwingende Komponente der Herrschaft der Partei identifiziert.

Die angestrebte perfekte Kontrolle √ľber alles, die Leugnung des Todes und die Geschichte vom getrennten Selbst ‚Äď vor diesem Hintergrund steht die Annahme, dass staatliche Ma√ünahmen zuvorderst die Sterberate minimieren sollten, nahezu au√üer Frage. Ein Ziel, dem andere Werte wie Spiel, Freiheit usw. untergeordnet sind. COVID-19 bietet Anlass, diesen Blickpunkt zu erweitern. Ja, lasst uns das Leben heilig halten, noch heiliger als jemals zuvor. Der Tod lehrt uns das. Lasst uns jede Person, jung oder alt, krank oder gesund als das heilige, wertvolle, geliebte Wesen ansehen, das er oder sie ist. Und lasst uns in unseren Herzen auch f√ľr andere heilige Werte Platz machen. Das Leben heilig zu halten bedeutet nicht nur, einfach lang zu leben, sondern gut und richtig und voll zu leben.

Wie jede Angst deutet die Angst rund um das Coronavirus auf das, was dahinter liegen mag. Jeder, der das Sterben eines nahen Menschen erlebt hat, wei√ü, dass der Tod ein Portal zur Liebe ist. COVID-19 hat dem Tod zur Prominenz im Bewusstsein einer Gesellschaft verholfen, die ihn verleugnet. Jenseits der Angst k√∂nnen wir die Liebe sehen, die der Tod befreit. Lasst sie str√∂men. Lasst sie den Boden unserer Kultur durchtr√§nken und seine wasserf√ľhrenden Schichten f√ľllen, so dass sie durch die Risse unserer verkrusteten Institutionen, unserer Systeme und unserer Gewohnheiten nach oben sickert. Manche davon m√∂gen auch sterben.

In was f√ľr einer Welt wollen wir leben?

Wieviel vom Leben wollen wir auf dem Altar der Sicherheit opfern? Wollen wir zu unserer Sicherheit in einer Welt leben, wo sich Menschen nicht mehr versammeln? Wollen wir zu jeder Zeit Masken in der √Ėffentlichkeit tragen? Wollen wir uns bei jeder Reise medizinisch untersuchen lassen, wenn das eine bestimmte Zahl von Menschenleben pro Jahr rettet? Sind wir bereit, die allgemeine Medikalisierung[5] des Lebens zu akzeptieren und die Bestimmungshoheit √ľber unsere K√∂rper medizinischen Autorit√§ten (die von politischen ernannt werden) zu √ľberantworten? Wollen wir, dass jede Veranstaltung eine virtuelle Veranstaltung wird? Wie sehr sind wir bereit in Angst zu leben?

COVID-19 wird irgendwann abebben, aber die Bedrohung durch ansteckende Krankheiten wird bleiben. Unsere Antwort wird den Kurs f√ľr die Zukunft bestimmen. Das √∂ffentliche Leben, das gemeinschaftliche Leben und das Leben gemeinsamer K√∂rperlichkeit  ist schon seit einigen Generationen im Schwinden begriffen. Statt in Gesch√§ften einzukaufen, lassen wir uns Sachen nach Hause liefern. Statt Rudeln von Kindern, die drau√üen spielen, haben wir Play Dates und digitale Abenteuer. Statt des √∂ffentlichen Platzes haben wir ein Online-Forum. Wollen wir fortfahren uns noch weiter voneinander und von der Welt zu isolieren?

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, vor allem, wenn die Abstandsma√ünahmen erfolgreich sein sollten, dass COVID-19 auch √ľber die 18 Monate hinaus fortwirken wird, die es, wie man uns erz√§hlt, dauern wird, bis es vorbei ist. Es ist leicht vorstellbar, dass in dieser Zeit neue Viren auftauchen werden. Es ist leicht vorstellbar, dass Notma√ünahmen normal werden (um die M√∂glichkeit weiterer Ausbr√ľche einzud√§mmen),  genau wie beim Ausnahmezustand nach 9/11, der  heute noch in Kraft ist. Es ist leicht vorstellbar, dass (wie man uns erz√§hlt) eine Wiederansteckung m√∂glich ist, und dass diese Krankheit niemals enden wird. Das bedeutet, die vor√ľbergehenden Ver√§nderungen unser Lebensf√ľhrung k√∂nnten dauerhaft werden.

Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, daf√ľr entscheiden, f√ľr immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und H√§ndesch√ľtteln zu leben? Wollen wir uns daf√ľr entscheiden, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in gr√∂√üerer Zahl versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der Vergangenheit angeh√∂ren? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen? Soll aller menschlicher Kontakt durch Computer und Gesichtsmasken vermittelt werden? Kein Tanzunterricht, kein Fu√üballtraining, keine Konferenzen und keine Kirchenbesuche mehr? Soll die Reduzierung der Todesf√§lle der Ma√üstab sein, an dem der Fortschritt gemessen wird? Hei√üt menschliche Fortentwicklung Getrenntheit? Ist das die Zukunft?

Dieselbe Frage trifft auch auf die administrativen Werkzeuge zu, die es braucht, um die Bewegungen der Menschen und den Informationsfluss zu kontrollieren. Zum Zeitpunkt, wo ich dies schreibe, geht das ganze Land in Richtung Ausgangssperre. In manchen L√§ndern muss man sich von einer Regierungs-Webseite ein Formular ausdrucken, um das Haus verlassen zu d√ľrfen. Das erinnert mich an die Schule, wo dein Aufenthaltsort zu jeder Zeit autorisiert sein musste. Oder an ein Gef√§ngnis. Stellen wir uns eine Zukunft elektronischer Passierscheine vor, ein System, in dem Bewegungsfreiheit von Staatsbeamten und ihrer Software zu jeder Zeit verwaltet wird, f√ľr immer? Wo jede Bewegung verfolgt wird, ob sie erlaubt ist oder verboten? Und wo, nur zu unserem Schutz nat√ľrlich, gesundheitsgef√§hrdende Informationen (welche das sind, wird wieder von verschiedenen Autorit√§ten entschieden) zu unserem eigenen Besten zensiert werden? Fast wie im Kriegszustand akzeptieren wir angesichts einer Notsituation solche Einschr√§nkungen und geben vor√ľbergehend unsere Freiheiten auf. √Ąhnlich wie 9/11 √ľbertrumpft COVID-19 alle Vorbehalte.

Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es die technologischen M√∂glichkeiten, eine solche Vision tats√§chlich zu realisieren, zumindest in der industrialisierten Welt (zum Beispiel durch die Verwendung von Ortungsdaten des Mobilfunks um r√§umliche Distanzierung durchzusetzen; siehe auch hier). Nach einem holprigen √úbergang k√∂nnten wir in einer Gesellschaft leben, wo fast alles Leben online geschieht: Einkauf, Meetings, Unterhaltung, Kontakte, Arbeit, selbst die Rendezvous. Ist es das, was wir wollen? Wieviele gerettete Leben ist das wert?

Ich bin sicher, dass viele der Kontrollma√ünahmen, die heute in Kraft sind, in ein paar Monaten teilweise wieder gelockert werden. Teilweise gelockert, aber jederzeit griffbereit. Solange ansteckende Krankheiten kursieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie in Zukunft immer wieder in Kraft gesetzt werden, oder wir erlegen sie uns als neue Gewohnheiten selbst auf. Wie Deborah Tannen in einem Politico-Artikel √ľber die anhaltenden Ver√§nderungen, die das Coronavirus der Welt bringen wird, schreibt: „Wir wissen nun, dass Dinge anzufassen, in der N√§he anderer Menschen zu sein und Luft in geschlossenen R√§umen zu atmen, riskant sein kann… Es k√∂nnte zu unserer zweiten Natur werden, vor einem H√§ndedruck oder Ber√ľhrungen des Gesichts zur√ľckzuschrecken, und so wie wir uns pausenlos die H√§nde waschen, k√∂nnte man f√ľrchten, dass wir alle einer kollektiven Zwangsst√∂rung zum Opfer fallen.“ Gipfelt der Fortschritt der Menschheit nach Tausenden, ja Millionen von Jahren der Ber√ľhrung, des Kontakts und des Zusammenseins darin, solche Aktivit√§ten einzustellen, weil sie zu riskant sind?

Leben ist Gemeinschaft

Das Paradox am Programm der Kontrolle ist, dass es uns unseren Zielen nur selten n√§her bringt. Trotz all der Sicherheitssysteme in fast jedem Eigenheim der oberen Mittelklasse sind die Menschen nicht weniger √§ngstlich und unsicher als noch vor einer Generation. Trotz ausgekl√ľgelter Sicherheitsma√ünahmen gibt es in Schulen nicht weniger Amokl√§ufe. Trotz ph√§nomenaler Fortschritte in der Medizintechnik sind die Menschen in den letzten 30 Jahren nicht ges√ľnder geworden, eher im Gegenteil. Chronische Krankheiten haben sich ausgebreitet und die Lebenserwartung stagniert. In den USA und Gro√übritannien ist sie sogar r√ľckl√§ufig.

Die getroffenen Ma√ünahmen zur Kontrolle von COVID-19 k√∂nnten am Ende ebenfalls mehr Leid und Tod zu Folge haben, als sie  verhindern. Die Zahl der Toten zu minimieren hei√üt jene Todesf√§lle zu verringern, die wir vorhersagen und erfassen k√∂nnen. Es ist unm√∂glich zu erfassen, wie viele Menschen m√∂glicherweise zus√§tzlich sterben, z.B. aufgrund von Depressionen durch die Isolation oder Verzweiflung, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Oder durch verringerte Immunkompetenz und zerr√ľttete Gesundheit wegen chronischer Angst. Es wurde gezeigt, dass Einsamkeit und fehlender sozialer Kontakt entz√ľndliche ProzesseDepressionen und Demenz beg√ľnstigen. Laut Dr. Lissa Rankin erh√∂ht sich das Sterberisiko durch Luftverschmutzung um 6%, durch Adipositas um 23%, durch Alkoholmissbrauch um 37% und durch Einsamkeit um 45%.

Eine weitere Gefahr, die wir noch nicht auf dem Radar haben, entsteht durch die Minderung der Immunkompetenz aufgrund von √ľberm√§√üiger Hygiene und Distanzierung. Nicht nur der soziale Kontakt ist f√ľr die Gesundheit notwendig, sondern auch der Kontakt mit der mikrobiellen Welt. Im Allgemeinen sind Mikroben nicht die Feinde unserer Gesundheit, sondern unsere Verb√ľndeten. Eine artenreiche Darmflora, welche Bakterien, Viren, Hefen und andere Organismen umfasst, ist entscheidend f√ľr ein gut funktionierendes Immunsystem, und ihr Artenreichtum wird durch den Kontakt mit anderen Menschen und mit der Welt des Lebendigen aufrecht erhalten. Exzessives H√§ndewaschen, √ľberm√§√üiger Gebrauch von Antibiotika, aseptische Reinlichkeit und fehlender menschlicher Kontakt kann mehr schaden als n√ľtzen. Die dadurch verursachten Allergien und Autoimmun-Erkrankungen k√∂nnten schlimmer sein als die Infektionskrankheit, welche sie verhindern sollen. Gesundheit entsteht sowohl gesellschaftlich als auch biologisch durch Gemeinschaft. Das Leben gedeiht nicht in der Isolation.

Die Welt im Sinne eines ‚ÄěWir-Gegen-Die‚Äú zu sehen, macht uns blind gegen√ľber der Tatsache, dass Leben und Gesundheit in der Gemeinschaft geschehen. Wenn wir die Infektionskrankheiten als Beispiel nehmen, scheitern wir daran, √ľber den b√∂sen Erreger hinaus schauen und zu fragen: Was ist die Rolle von Viren im Mikrobiom? Was sind die k√∂rperlichen Vorbedingungen, unter denen sich sch√§dliche Viren ausbreiten? Warum haben manche Menschen milde Symptome und andere einen schweren Verlauf (lassen wir das Totschlagargument der ‚Äěerh√∂hten Infektanf√§lligkeit‚ÄĚ, das gar  nichts erkl√§rt, mal beiseite)? Welche positive Rolle k√∂nnten Grippe, Erk√§ltungen und andere nicht t√∂dliche Krankheiten f√ľr den Erhalt unserer Gesundheit spielen?

Ein ‚ÄěKrieg-gegen-den-Keim‚Äú- Denken f√ľhrt zu Resultaten, wie sie der Krieg gegen den Terror, der Krieg gegen das Verbrechen, der Krieg gegen das Unkraut und all die anderen endlosen politischen und zwischenmenschlichen Kriege liefern. Erstens f√ľhrt es zu Krieg ohne Ende, zweitens lenkt es die Aufmerksamkeit von den Grundbedingungen ab, die dazu f√ľhren, dass es Krankheit, Terrorismus, Verbrechen, Unkr√§uter und den ganzen Rest √ľberhaupt gibt.

Trotz der best√§ndigen Behauptung der Politiker, sie f√ľhrten Krieg f√ľr die Sache des Friedens, gebiert Krieg unweigerlich mehr Krieg. L√§nder zu bombardieren, um Terroristen zu t√∂ten, l√§sst nicht nur die Grundbedingungen f√ľr die Entstehung von Terrorismus au√üer Acht, es verschlimmert diese Bedingungen sogar. Kriminelle wegzusperren l√§sst nicht nur die Entstehungsbedingungen von Kriminalit√§t au√üer Acht, es erschafft genau diese Bedingungen, indem es Familien  und Gemeinschaften trennt, und indem es die Eingesperrten in ein kriminelles Milieu zwingt. Und die Anwendung von Antibiotika, Impfungen, antiviralen und anderen Medikamenten richten in der K√∂rper-√Ėkologie, dem Fundament einer starken Immunkompetenz, gro√ües Unheil an. Au√üerhalb des K√∂rpers werden die massiven Spr√ľhkampagnen, die durch das Zika-Virus, Dengue Fieber und nun COVID-19 ausgel√∂st wurden, ungeahnte Sch√§den auf die √Ėkologie der Natur zur Folge haben. Hat irgendwer sich √ľberlegt, welche Auswirkungen es auf ein √Ėkosystem hat, wenn wir es mit antiviralen Substanzen tr√§nken? Solche Methoden (wie sie an verschiedenen Orten in China und Indien tats√§chlich umgesetzt wurden) sind nur denkbar aus der Geisteshaltung der Getrenntheit, die nicht versteht, dass Viren unverzichtbar zum Netzwerks des Lebens geh√∂ren.

Um die Grundbedingungen zu verstehen, hier ein paar Mortalit√§tsstatistiken aus Italien (vom Nationalen Gesundheitsinstitut) basierend auf einer Analyse hunderter COVID-Todesf√§lle: Von den erfassten F√§llen hatten weniger als ein Prozent keine ernsten chronischen Nebenerkrankungen. Etwa 75% litten an Bluthochdruck, 35% an Diabetes, 33% an Erkrankungen der Herzkranzgef√§√üe, 24% an Herzvorhofflimmern, 18% an Niereninsuffizienz, neben anderen Bedingungen, die ich aus dem italienischen Bericht nicht entziffern konnte. Fast die H√§lfte der Verstorbenen hatte drei oder mehr dieser ernsten Pathologien. Amerikaner, stark betroffen von Adipositas, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten, sind mindestens ebenso anf√§llig wie die Menschen in Italien. Sollen wir also dem Virus, (das wenige, ansonsten gesunde, Menschen das Leben kostete) die Schuld geben oder der schlechten Grundgesundheit? Hier trifft wieder die Analogie mit dem √ľberdehnten Seil zu. Millionen von Menschen in der modernen Welt befinden sich in einem bedenklichen Gesundheitszustand, und es ist nur eine Frage der Zeit, dass etwas eigentlich Triviales auftaucht und ihnen den Rest gibt. Nat√ľrlich wollen wir ihnen  kurzfristig erst einmal das Leben retten; wir laufen dabei aber Gefahr, uns in einer endlosen Abfolge von kurzfristigen L√∂sungen zu verlieren. Wir bek√§mpfen eine Infektionskrankheit nach der anderen und k√ľmmern uns nie um die Grundbedingungen, die die Menschen so anf√§llig machen. Das ist ein viel schwierigeres Problem, denn diese Grundbedingungen werden sich nicht durch einen Kampf ver√§ndern lassen. Es gibt kein Pathogen hinter Diabetes oder Adipositas, Sucht, Depression oder PTBS [Posttraumatischer Belastungsst√∂rung]. Ihre Ursachen sind nicht das Andere, nicht irgendein von uns separates Virus, und wir die Opfer.

Selbst bei Krankheiten wie COVID-19, wo wir ein krankmachendes Virus benennen k√∂nnen, sind die Verh√§ltnisse nicht so einfach wie ein Krieg zwischen Virus und Opfer. Zur Keimtheorie von Krankheit gibt es eine Alternative, nach der Keime als Teil eines weiter gefassten Prozesses erachtet werden. Wenn die Bedingungen stimmen, vermehren sie sich im K√∂rper und t√∂ten dabei manchmal den Wirt. Es besteht aber auch die M√∂glichkeit, dass sich die Bedingungen, die √ľberhaupt erst zur Infektion gef√ľhrt haben, verbessern, beispielsweise indem sie den K√∂rper anregt, angereicherte giftige Abf√§lle mittels Schleimabsonderung auszuscheiden oder sie (metaphorisch gesprochen) durch ein Fieber verbrennt. Diese Alternative wird manchmal Terrain-Theorie genannt und besagt, dass Keime eher als Symptom, denn als Ursache einer Krankheit zu sehen sind. Das dr√ľckt sich in folgendem Mem aus: „Dein Fisch ist krank. Keimtheorie: isoliere den Fisch! Terrain-Theorie: reinige das Aquarium!“

Eine Art Schizophrenie hat die moderne Gesundheitskultur befallen. Einerseits gibt es eine wachsende Wellness-Bewegung, in der alternative und holistische Medizin begr√ľ√üt wird. Es werden Kr√§uter, Meditation und Yoga empfohlen, um das Immunsystem zu st√§rken. Die emotionale und spirituelle Dimensionen von Gesundheit, etwa die Kraft der eigenen Einstellung und des Glaubens daran, zu erkranken oder zu gesunden, wird anerkannt. All dies scheint unter dem Tsunami von COVID begraben worden zu sein, und die Gesellschaft f√§llt auf ihre alte Orthodoxie zur√ľck.

Ein typisches Beispiel: Akupunkteure in Kalifornien wurden gezwungen, die Arbeit einzustellen, weil man sie f√ľr „nicht systemrelevant“ h√§lt. Das ist aus Sicht der konventionellen Virologie komplett einleuchtend. Aber wie eine Akupunkteurin auf Facebook beobachtete: „Was ist mit meinem Patienten, mit dem ich arbeite, um von den Opiaten gegen seine R√ľckenschmerzen loszukommen? Er wird sie nun wieder nehmen m√ľssen.“ Aus Sicht der medizinischen Autorit√§ten sind alternative Herangehensweisen, soziale Interaktion, Yoga-Gruppen, Nahrungserg√§nzungsmittel und so weiter belanglos wenn es um eine echte Krankheit geht, die von einem echten Virus ausgel√∂st wird. Im Angesicht einer Krise werden sie in das √§therische Reich der „Wellness“ verbannt. Das Wiedererstarken der Orthodoxie unter COVID-19 ist so heftig, dass alles, was auch nur entfernt unkonventionell erscheint, wie etwa intraven√∂se Injektionen mit Vitamin C bis vor zwei Tagen komplett vom Tisch war (es gibt nach wie vor Artikel, die den „Mythos“, dass Vitamin C gegen COVID-19 helfen k√∂nnte, „entlarven“). Auch habe ich nicht geh√∂rt, dass die amerikanische Gesundheitsbeh√∂rde den Nutzen von Holunder-Extrakt, medizinischen Pilzen, Zuckerverzicht, ACC (Acetylcystein), Tragant (Astragalus) oder Vitamin C gepredigt h√§tte. All dies sind aber keine schwammigen Spekulationen √ľber „Wellness“, sondern sie werden gest√ľtzt durch umfangreiche Forschung und physiologische Erkl√§rungen. Zum Beispiel konnte f√ľr ACC (generelle Info und eine Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie) eine sehr deutliche Reduktion des Auftretens und der Schwere von Symptomen grippeartiger Krankheiten gezeigt werden.

Wie die obigen Statistiken √ľber Autoimmunit√§t, Adipositas etc. nahelegen, stehen Amerika und die gesamte moderne Welt ganz allgemein einer Gesundheitskrise gegen√ľber. Sollten wir als Reaktion nun das, was wir die ganze Zeit getan haben, noch gr√ľndlicher treiben? Die bisherige Reaktion auf COVID war, die Orthodoxie zu st√§rken und unkonventionelle Praktiken und andere Sichtweisen beiseite zu fegen. Eine andere Antwort w√§re, den Blick zu weiten und das Gesamtsystem zu untersuchen, einschlie√ülich der Frage, wer daf√ľr bezahlt, wie Zugriff gew√§hrt wird und wie Forschung finanziert wird. Aber auch die einschlie√üende Ausweitung auf randst√§ndige Felder, wie Heilkr√§uter-Medizin, funktionale Medizin und Energiemedizin geh√∂ren dazu. Vielleicht k√∂nnen wir diese Gelegenheit nutzen, um die vorherrschenden Theorien zu Krankheit, Gesundheit und  K√∂rper neu zu bewerten. Ja, lasst uns die erkrankten Fische sch√ľtzen so gut wir k√∂nnen, und zwar jetzt. Aber vielleicht m√ľssen wir n√§chstes Mal nicht so viele Fische isolieren und mit Medikamenten voll pumpen, wenn wir das Aquarium reinigen.

Ich sage nicht, rennt jetzt los und kauft ACC oder irgendein anderes Supplement, und ich sage auch nicht, dass die Gesellschaft abrupt ihre Reaktion √§ndern sollte, die physische Distanzierung abbrechen und stattdessen Supplemente einnehmen sollte. Aber wir k√∂nnen den Bruch der Normalit√§t nutzen – dieses Innehalten an der Wegkreuzung – um bewusst zu entscheiden, welchen Weg wir in Zukunft nehmen wollen: welche Art von Gesundheitssystem, welches Paradigma √ľber Gesundheit und was f√ľr eine Art von Gesellschaft. Diese Neubewertung geschieht bereits, nun da Ideen wie eine universelle und freie Gesundheitsversorgung in den USA zunehmend an Fahrt aufnehmen. Und dieser Weg f√ľhrt wiederum zu Verzweigungen. Welche Art von Gesundheitssystem soll universell werden? Wird es nur f√ľr alle verf√ľgbar sein, oder f√ľr alle verpflichtend – jede B√ľrgerin eine Patientin, vielleicht mit einem unsichtbaren Barcode-Tattoo, um sicherzustellen, dass ein jeder auch alle Impfungen erhalten und Vorsorgeuntersuchungen absolviert hat. Dann darfst du zur Schule gehen, ein Flugzeug besteigen oder ein Restaurant betreten. Das w√§re ein Weg in die Zukunft, der uns offen steht.

Es bietet sich aber auch eine andere M√∂glichkeit. Statt die Kontrolle noch zu verst√§rken, k√∂nnten wir endlich die holistischen Modelle und Praktiken, die am Rand darauf gewartet haben, dass sich das Zentrum aufl√∂st, damit wir sie jetzt in unserem gedem√ľtigten Zustand ins Zentrum r√ľcken und ein neues System um sie herum errichten.

Die Krönung

Es gibt eine Alternative zur perfekten Kontrolle, die unsere Zivilisation so lange angestrebt hat, und die sich mit jedem Fortschritt wieder ein St√ľck weit entzieht, wie eine Fata Morgana am Horizont. Ja, wir k√∂nnen den bisherigen Weg in Richtung zunehmender Vereinsamung, st√§rkerer Abschottung, mehr Herrschaft und gr√∂√üerer Getrenntheit fortsetzen. Wir k√∂nnen zulassen, dass mehr Getrenntheit und Kontrolle normal werden, im Glauben sie seien n√∂tig um uns Sicherheit zu gew√§hren, und eine Welt akzeptieren, in der wir uns davor f√ľrchten, einander nah zu kommen. Oder wir k√∂nnen diese Pause, diese Unterbrechung der Normalit√§t zum Anlass nehmen, einen Weg in Richtung Wiedervereinigung, Ganzheitlichkeit, Wiederherstellung von verlorenen Beziehungen und Gemeinschaft und unserer Wiedereingliederung in das Netz des Lebens einzuschlagen.

Verdoppeln wir unsere Anstrengungen, das vereinzelte Selbst zu besch√ľtzen? Oder nehmen wir die Einladung in eine Welt an, auf der wir alle gemeinsam sind? Nicht nur in der Medizin begegnen wir dieser Frage: sie taucht auch in der Politik, in der Wirtschaft und im pers√∂nlichen Leben auf. Nimm  zum Beispiel das Hamstern, das die Vorstellung zum Ausdruck bringt: ‚ÄěEs wird nicht f√ľr alle reichen, also werde ich daf√ľr sorgen, dass f√ľr mich genug da ist.‚Äú Man k√∂nnte auch so darauf reagieren: ‚ÄěManche haben nicht das, was sie brauchen, also werde ich mit ihnen teilen.‚Äú Preppen[6] oder helfen? Worum geht es im Leben?

Und allgemeiner stellen Menschen jetzt Fragen, die bis dato eher nur Aktivistenkreise besch√§ftigt haben. Was k√∂nnen wir f√ľr die wohnungslosen Menschen machen? Was f√ľr die, die im Gef√§ngnis sitzen? Die, die in den Slums leben? Was sollen wir mit den Arbeitslosen machen? Was ist mit den Zimmerm√§dchen, den Uber-Fahrern, den Installateurinnen und den Hauswarten und Busfahrerinnen und Kassierern, die nicht von zu Hause aus arbeiten k√∂nnen? Und so bl√ľhen endlich Ideen wie der Schuldenerlass f√ľr Ausbildungskredite und das Bedingungslose Grundeinkommen auf. Die Frage ‚ÄěWie sch√ľtzen wir die von COVID Bedrohten?‚Äú l√§dt uns ein, weiter zu fragen: ‚ÄěWie k√ľmmern wir uns um die verletzlichen Menschen in unserer Gesellschaft?‚Äú

Das n√§mlich ist der Impuls, der sich in uns r√ľhrt, einmal abgesehen von Oberfl√§chlichkeiten wie unseren pers√∂nlichen Meinungen √ľber den Schweregrad von COVID, die Herkunft des Coronavirus oder welche politischen Ma√ünahmen angebracht sind. Der Impuls ist: ‚ÄěLasst uns jetzt wirklich aufeinander achtgeben. Erinnern wir uns daran, wie wertvoll jeder und jede von uns ist und wie kostbar das Leben. Machen wir eine Bestandsaufnahme unserer Zivilisation, zerlegen wir sie in ihre Einzelteile, und schauen wir, ob wir daraus nicht eine viel sch√∂nere bauen k√∂nnen.‚Äú

Durch die Erfahrungen des Mitgef√ľhls, das COVID jetzt in uns weckt, stimmen immer mehr von uns in die Erkenntnis ein, dass wir nicht mehr in die alte Normalit√§t, die das Mitgef√ľhl so schmerzlich vermissen lie√ü, zur√ľck wollen. Jetzt haben wir die Gelegenheit, eine neue, mitgef√ľhlsreichere Normalit√§t zu schmieden.

√úberall finden sich Anzeichen, dass das gerade passiert. Die Regierung der Vereinigten Staaten, die lange eine Gei√üel herzloser Kapitalinteressen zu sein schien, hat hunderte Milliarden Dollar f√ľr Direktzahlungen an Familien freigegeben. Donald Trump, nicht gerade als ein Paradebeispiel des Mitgef√ľhls ber√ľhmt, hat ein Moratorium f√ľr Zwangsvollstreckungen und Zwangsr√§umungen verh√§ngt. Gewiss, man kann diese Entwicklungen auch zynisch sehen; aber nichtsdestotrotz verk√∂rpern sie das Prinzip der Sorge um die Verwundbaren.

Aus allen Winkeln der Welt h√∂ren wir Geschichten von Solidarit√§t und Heilung. Eine Freundin schickte je $100 an zehn Unbekannte in schlimmer Notlage. Mein Sohn, der bis vor wenigen Tagen bei Dunkin‚Äė Donuts gearbeitet hat, sagte, dass die Leute f√ľnfmal mehr Trinkgeld gegeben haben ‚Äď und das sind Leute aus der Arbeiterklasse, viele von ihnen lateinamerikanische LKW-Fahrer, die selbst wirtschaftlich prek√§r leben. √Ąrztinnen, Krankenpfleger und sogenannte ‚Äěunentbehrliche Arbeitskr√§fte‚Äú riskieren ihr Leben im Dienst an der √Ėffentlichkeit. Hier ein paar Beispiele solcher Entladungen von Liebe und G√ľte, mit freundlicher Genehmigung von ServiceSpace:

Vielleicht sind wir schon mittendrin, uns in diese neue Geschichte einzuleben. Stelle Dir  vor: die Italienische Luftwaffe verwendet Pavarotti, das Spanische Milit√§r hilft Zivilisten, und die Stra√üenpolizei spielt Gitarre ‚Äď um zu inspirieren. Firmen erh√∂hen unerwartet die Geh√§lter. Die Kanadier haben eine Initiative gestartet, bei der sie aktiv G√ľte und Freundlichkeit statt Angst und Panik verbreiten. Ein sechsj√§hriges M√§dchen in Australien spendet entz√ľckend ihr Zahnfee-Geld, eine dreizehnj√§hrige Japanerin n√§ht 612 Masken und Studenten auf der ganzen Welt gehen f√ľr √§ltere Menschen einkaufen. Kuba schickt eine Armee in ‚Äěwei√üen M√§nteln‚Äú (√Ąrzt*innen) um Italien zu helfen. Ein Vermieter stundet seinen Mietern die Aprilmiete, das Gedicht eines irischen Priesters verbreitet sich viral, k√∂rperbehinderte Aktivist*innen erzeugen Desinfektionsmittel. Stellen Sie sich das vor. Manchmal f√∂rdert eine Krise unseren innersten Impuls zutage: dass wir immer mit Mitgef√ľhl reagieren k√∂nnen.

Wie Rebecca Solnit in ihrem wunderbaren Buch ‚ÄěA Paradise Built in Hell‚Äú schreibt, bringen Katastrophen h√§ufig Solidarit√§t zum Aufbl√ľhen. Eine sch√∂nere Welt schimmert ganz nah unter der Oberfl√§che und poppt auf, sobald die Systeme, die sie unter Wasser halten, ihren Griff lockern.

So lange sind wir als Kollektiv angesichts einer immer krankmachenderen Gesellschaft hilflos dagestanden. Sei es die Verschlechterung der Gesundheit, der Verfall von Infrastruktur, Depression, Selbstt√∂tung, Sucht, Umweltzerst√∂rung, ungleiche Reichtumsverteilung ‚Äď die Symptome der misslichen Lage, in der sich die Zivilisation in der entwickelten Welt befindet, sind un√ľbersehbar, aber wir haben uns in den Systemen und Mustern, die sie verursachen, verstrickt. Jetzt hat uns das Coronavirus einen Neuanfang geschenkt.

Eine Million Wege gabeln sich vor uns auf. Das Bedingungslose Grundeinkommen k√∂nnte der wirtschaftlichen Unsicherheit ein Ende bereiten und die Kreativit√§t aufbl√ľhen lassen, indem Millionen von jener Arbeit befreit werden, die, wie uns das Coronavirus zeigt, weniger notwendig ist als bisher angenommen. Es k√∂nnte aber auch angesichts der Schlie√üung kleiner Betriebe dazu kommen, dass die Abh√§ngigkeit von staatlichen Geldern, die an strikte Bedingungen gekn√ľpft sind, zunimmt. Die Krise k√∂nnte in den Totalitarismus oder in die Solidarit√§t f√ľhren, zu medizinischem Kriegsrecht oder einem Wiedererwachen eines ganzheitlichen Ansatzes, zu einer gr√∂√üeren Furcht vor der Welt der Keime oder gr√∂√üerer Kompetenz im Umgang mit den Mikroorganismen, zu einer neuen, dauerhaften Norm des Abstandhaltens oder zu einem erneuten Wunsch, einander n√§her zu kommen.

Was kann uns als Einzelne und als Gesellschaft leiten, die wir durch diesen Garten sich verzweigender Wege gehen? An jeder Wegkreuzung k√∂nnen wir uns bewusst machen, wovon wir uns leiten lassen: Angst oder Liebe? Selbstschutz oder Gro√üherzigkeit? Sollen wir in Angst leben und eine darauf basierende Gesellschaft errichten? Sollen wir leben, um unsere abgetrennten Egos zu wahren? Sollen wir die Krise als Waffe gegen unsere politischen Feinde nutzen? Dies sind keine alles-oder-nichts-Fragen, nur Angst oder nur Liebe. Sondern ein n√§chster Schritt in Richtung Liebe liegt vor uns. Er f√ľhlt sich wagemutig an, aber nicht leichtsinnig. Er umspannt die Wertsch√§tzung des Lebens und zugleich die Anerkennung des Todes. Er kommt aus dem Vertrauen darauf, dass mit jedem neuen Schritt der n√§chste sichtbar wird.

Bitte glaub nicht, es sei eine reine Willensfrage, sich zwischen Angst und Liebe zu entscheiden, oder dass die Angst wie ein Virus besiegt werden kann. Das Virus, mit dem wir es hier zu tun haben, ist Angst, sei es die Angst vor COVID-19 oder die Angst vor einer totalit√§ren Reaktion darauf, und dieses Virus hat auch seinen N√§hrboden. Angst gemeinsam mit Sucht, Depression und einer ganzen Reihe k√∂rperlicher Leiden gedeiht auf diesem Boden von Getrenntheit und Trauma: dem vererbten Trauma, dem Kindheitstrauma, der Gewalt, dem Krieg, dem Missbrauch, der Missachtung, der Scham, der Bestrafung, der Armut und dem stillschweigend zur Normalit√§t geh√∂renden Trauma, das fast jede und jeden betrifft, der in einer monetarisierten Gesellschaft lebt, moderne Beschulung absolviert oder ohne Gemeinschaft oder Ortsverbundenheit lebt. Dieser Boden kann ver√§ndert werden durch Traumaheilung auf einer pers√∂nlichen Ebene, durch systemischen Wandel hin zu einer Gesellschaft mit mehr Mitgef√ľhl, und durch eine Neuerz√§hlung der Geschichte, die unsere Welt erkl√§rt, und die momentan von der Getrenntheit handelt: Vom getrennten Selbst in einer Welt des Anderen – ich getrennt von dir, die Menschheit getrennt von der Natur. Allein zu sein ist eine Urangst, und die moderne Gesellschaft hat mehr und mehr dazu gef√ľhrt, dass wir allein sind. Aber die Zeit der Wiedervereinigung ist da. Jede Geste des Mitgef√ľhls, der G√ľte und Freundlichkeit, des Mutes und der Gro√üherzigkeit heilt uns von der Geschichte der Getrenntheit, denn sie versichert beiden, Handelnden und Zeugen der Handlung, dass wir im selben Boot sitzen.

Ich werde zum Abschluss noch eine weitere Dimension der Beziehung zwischen Mensch und Virus ins Feld f√ľhren. Viren sind wesentlich f√ľr die Evolution, nicht nur die der Menschen, sondern aller Eukaryonten. Viren k√∂nnen DNA von einem Organismus zum anderen transportieren, manchmal auch in die Keimbahn (wodurch die √Ąnderung erblich wird). Bekannt unter der Bezeichnung ‚ÄěHorizontaler Gentransfer‚Äú ist das ein Grundmechanismus der Evolution, der es dem Leben erm√∂glicht, gemeinsam viel schneller zu evolvieren, als es durch rein zuf√§llige Mutation m√∂glich w√§re. Lynn Margulis hat es einmal so ausgedr√ľckt: ‚ÄěWir sind unsere Viren.‚Äú

Und jetzt betrete ich spekulatives Terrain: Vielleicht haben die gro√üen Krankheiten unserer Zivilisation unsere biologische und kulturelle Evolution beschleunigt, vielleicht verleihen sie uns genetische Schl√ľsselinformation und erm√∂glichen uns beides, eine individuelle und eine kollektive Initiation. K√∂nnte die herrschende Pandemie genau das sein? Neue RNA-Codes breiten sich von Mensch zu Mensch aus und versorgen uns mit neuer genetischer Information. Gleichzeitig empfangen wir, gemeinsam mit den biologischen, andere, esoterische ‚ÄěCodes‚Äú, die unsere Narrative und Systeme unterbrechen – so wie die Krankheit die Physiologie des K√∂rpers unterbricht. Das Ph√§nomen folgt dem Muster einer Initiation: Eine Unterbrechung der Normalit√§t gefolgt von einer Zwangslage, einem Zusammenbruch oder einer Feuerprobe, gefolgt von (wenn sie komplett sein soll) der Reintegration und einem Fest.

Jetzt stellt sich die Frage: eine Initiation in was? Was ist die genaue Natur und der Zweck dieser Initiation? Der Name des Virus gibt einen Hinweis: Coronavirus. Eine Corona ist eine Krone. ‚ÄěNeue Coronavirus Pandemie‚Äú bedeutet: ‚Äěeine neue Kr√∂nung f√ľr alle‚Äú.

Es ist schon zu sp√ľren, welche Macht uns verliehen werden k√∂nnte. Ein wahrer Souver√§n l√§uft nicht weg aus Angst vor dem Leben oder Angst vor dem Tod. Ein wahrer Souver√§n beherrscht nicht und unterwirft nicht (das macht sein Schatten-Archetyp, der Tyrann). Ein wahrer Souver√§n dient den Menschen, dient dem Leben und respektiert die Souver√§nit√§t aller Menschen. Die Kr√∂nung markiert das Hervortreten des Unbewussten in das Bewusste, die Kristallisation von Chaos in Ordnung, die √úberwindung von Zwang und dessen Umwandlung in eine bewusste Entscheidung. Wir werden die Regenten dessen, was uns regiert hat. Die neue Weltordnung, die die Verschw√∂rungstheoretiker f√ľrchten, ist ein Schattenbild der grandiosen M√∂glichkeit, die souver√§nen Wesen offen steht. Nicht l√§nger Vasallen der Angst, k√∂nnen wir Ordnung im K√∂nigreich machen und eine Gesellschaft aufbauen, die sich auf die Liebe einigt, die schon durch die Ritzen in der Welt der Getrenntheit schimmert.


Kategorie: Allgemein

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